Nachtrag: Redebeiträge am 29.03.14

Im Fol­gen­den fin­det ihr die Re­de­bei­trä­ge von uns und der An­ti­fa­schis­ti­schen Union Dort­mund für die An­ti­fa Demo am 29.​03.​2014 in Dort­mund.

Ju­gend An­ti­fa Dort­mund:

Was war über­haupt der Na­tio­na­le Wi­der­stand Dort­mund ?
2005 wurde der bun­des­weit be­kann­te Na­tio­na­le Wi­der­stand Dort­mund ge­grün­det. Er war da­mals die Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on der “Au­to­no­men Na­tio­na­lis­ten – öst­li­ches Ruhr­ge­biet”. Der harte Kern be­stand zu den bes­ten Zei­ten unter an­de­rem aus Den­nis Giemsch, Micha­el Brück und Alex­an­der Depp­tol­la und ca. 20 wei­te­ren Per­so­nen. In dem Ge­bäu­de, vor dem wir uns ge­ra­de be­fin­den (Rhei­ni­schestr. 135), war da­mals der feste Sze­ne-​Treff für Ka­me­rad­schaf­ten aus ganz NRW. Hier haben aus­wär­ti­ge Nazis Schlaf­un­ter­künf­te be­kom­men, wie z.b. vor der De­mons­tra­ti­on zum An­ti­kriegs­tag, die jähr­lich statt­fand und bis zu 1000 Teil­neh­mer aus ganz Deutsch­land und sogar aus den Nach­bar­län­dern nach Dort­mund zog. Der NWDO hat es quasi ge­schafft, aus einem nor­ma­len Stadt­teil eine Zone zu schaf­fen, in der sich mit Vor­lie­be Neo­na­zis, auch von au­ßer­halb, an­sie­deln. Unter an­de­rem bil­den sie hier auch gerne ganze WGs. Men­schen, die sich den Neo­na­zis in Dorst­feld offen zu Wehr set­zen oder ihnen un­be­quem auf­fal­len, wer­den mit psy­chi­scher und phy­si­scher Ge­walt aus dem Stadt­teil ver­trie­ben. Au­ßer­dem ist der NWDO re­gel­mä­ßig in die Schlag­zei­len ge­ra­ten, auf­grund von An­grif­fen auf Linke, Mi­gran­t_in­nen und an­ders­den­ken­de Men­schen. Dort­mund galt jah­re­lang als Na­zi-​Hoch­burg, doch für viele Städ­ti­sche Po­li­ti­ker_in­nen hat sich dies durch das Ver­bot des Na­tio­na­len Wi­der­stands Dort­mund ver­min­dert.

Nach­dem Ende Au­gust 2012 der NWDO, die Ka­me­rad­schaft Aa­che­ner Land und die Ka­me­rad­schaft Hamm durch das NRW-​In­nen­mi­nis­te­ri­um ver­bo­ten wurde, schien das ein gro­ßer Schlag be­son­ders gegen die Dort­mun­der Neo­na­zi-​Sze­ne zu sein, da ihre kom­plet­ten NW­DO-​Ma­te­ria­li­en samt Haus be­schlag­nahmt wur­den. Selbst die Demo zum „Na­tio­na­len An­ti­kriegs­tag “ wur­den ver­bo­ten, da auch diese ein fes­ter Be­stand­teil der Szene war. Doch die Neo­na­zis fan­den re­la­tiv schnell in der Par­tei “Die Rech­te” eine neue Blei­be. Mitt­ler­wei­le fin­den sich in der von Chris­ti­an Worch ge­grün­de­ten Neo­na­zi-​Par­tei ein Groß­teil der ehe­ma­li­gen NW­DO-​Mit­glie­der wie­der. Mit der Par­tei “Die Rech­te” haben die Neo­na­zis eine re­la­tiv ver­bots­si­che­re Al­ter­na­ti­ve ge­fun­den, da sie sich hin­ter dem Par­tei-​Pri­vi­leg ver­ste­cken kön­nen. Wäh­rend die Dort­mun­der Öf­fent­lich­keit (Stadt, Po­li­zei etc.) immer wie­der von einer emi­nen­ten Schwä­che der Szene spra­chen, kann man dies von an­ti­fa­schis­ti­scher Seite so nicht be­stä­ti­gen. Zwar sind rech­te Ge­walt­ta­ten und öf­fent­lich­keits­wirk­sa­me Ak­tio­nen nicht mehr wie vor ei­ni­ger Zeit an der Ta­ges­ord­nung, je­doch ge­lingt es den Nazis immer noch genug an­de­re “Ka­me­ra­den”
zu ihren bei­den Auf­marsch­ter­mi­nen am 1.​Mai und am 1.​September zu mo­bi­li­sie­ren. Au­ßer­dem schre­cken Dort­mun­der Neo­na­zis wei­ter­hin nicht vor Ge­walt gegen an­de­re Men­schen zu­rück, denn Ge­sich­ter und Täter sind die­sel­ben ge­blie­ben. Je­doch hat sich der Ak­ti­ons­kon­sens mitt­ler­wei­le eher weg von Stra­ßen­ak­tio­nen hin zu po­li­ti­scher Ar­beit be­wegt. “Die Rech­te” ver­sucht sich als al­ter­na­ti­ve rech­te Par­tei dar­zu­stel­len, al­ler­dings ist sie eine De­ck­or­ga­ni­sa­ti­on für den ver­bo­te­nen NWDO und an­de­rer neo­na­zis­ti­scher Grup­pen!

Dies er­kennt man be­reits schon an dem im Ok­to­ber 2012 ge­grün­de­ten Orts­kreis “Die Rech­te Dort­mund”. Füh­ren­de Köpfe sind auch hier wie­der Sieg­fried Bor­chard, Den­nis Giemsch, Micha­el Brück, Chris­toph Dre­wer und Da­ni­el Grebe – sel­bi­ge Per­so­nen, die auch beim „Na­tio­na­len Wi­der­stand Dort­mund“ wich­ti­ge Po­si­tio­nen be­setz­ten. Selbst ein neues Haus wurde be­reits in Dort­mund-​Hu­ckar­de ge­kauft, um als Lan­des­zen­tra­le der Rech­ten zu die­nen. Die­ses kann aber durch die ge­rin­gen Sta­tik-​Kennt­nis­se der Nazis nicht ge­nutzt wer­den, da sie bei Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten eine Trä­ger­wand ein­ge­bro­chen haben. An­ders als in Dort­mund-​Dorst­feld or­ga­ni­sier­te sich in Hu­ckar­de schnell Ge­gen­pro­test, wel­cher sich mitt­ler­wei­le ein­mal im Monat am Hu­ckar­der Markt­platz trifft.

Mo­men­tan kon­zen­trie­ren sich die Nazis vor allem auf den Wahl­kampf. So ste­hen Nazis fast täg­lich mit Info­stän­den auf Dort­munds Stra­ßen, sei es vor der Agen­tur für Ar­beit oder in an­de­ren Orts­tei­len. Die Nazis legen be­son­ders viel Wert auf die Lo­kal­wah­len An­fang Mai. Doch die „in­ter­es­san­ten Bür­ger­ge­sprä­che“, von denen immer wie­der ge­re­det wird, blei­ben aus. Ihnen ge­lang es je­doch, durch die Grün­dung der Par­tei, das Ver­bot des “Na­tio­na­len An­ti­kriegs­tag” zu um­ge­hen. So wurde die Demo ein­fach “Rech­ter An­ti­kriegs­tag” ge­nannt. Des Wei­te­ren or­ga­ni­sie­ren die Mit­glie­der der Par­tei be­reits zum zwei­ten Mal eine Demo am 1.​Mai. Diese wird – wie so oft – unter dem Deck­man­tel der Par­tei lau­fen. Für Ge­walt­ta­ten auf ihre tra­di­tio­nel­len “Feind­bil­der” zeich­nen in letz­ter Zeit ver­mehrt Neo­na­zis aus dem Be­reich des BVB-​Um­felds ver­ant­wort­lich – na­ment­lich Mit­glie­der der Ul­tra­grup­pe De­s­pe­ra­dos und der Hoo­lig­an­grup­pen North­si­de und (der ehe­ma­li­gen) Bo­rus­sen­front. Zwi­schen die­sen Grup­pen gibt es zahl­rei­che Über­schnei­dun­gen und Kon­tak­te zur “Die Rech­te”.

Wei­ter­hin wohnt ein gro­ßer Teil der ak­ti­ven Dort­mun­der Neo­na­zi-​Sze­ne in Dorst­feld. Nicht nur dass di­ver­se Na­zi-​Schmie­r­ein den Vor­ort zie­ren, auch vor An­grif­fen durch Neo­na­zis müs­sen sich wei­ter­hin Mi­gran­ten, Linke, und an­de­re Men­schen, die nicht in ihr Welt­bild pas­sen, be­son­ders in Dorst­feld fürch­ten. Un­se­re Demo wird des­we­gen von hier aus di­rekt nach Dorst­feld lau­fen, wo die Nazis immer noch woh­nen. Lasst uns ge­mein­sam ein laut­star­kes Zei­chen set­zen und die trü­ge­ri­sche Ruhe in Dorst­feld stö­ren!

Er­in­nern heißt Kämp­fen!
Gegen Na­zi­struk­tu­ren und rech­te Ge­walt!

An­ti­fa­schis­ti­sche Union Dort­mund:

Zur Not­wen­dig­keit eines ra­di­ka­len An­ti­fa­schis­mus.

Zwei Jahre ist es nun her, das wir of­fi­zi­ell mit einer an­ti­fa­schis­ti­schen De­mons­tra­ti­on das Na­zi­nest Dorst­feld be­sucht haben. Im glei­chen Jahr wurde der da­ma­li­ge “Na­tio­na­le Wi­der­stand Dort­mund” ver­bo­ten. Der Na­tio­na­le Wi­der­stand zähl­te um die 60 Mit­glie­der, die meis­ten davon woh­nen hier im Stat­dteil. Nur we­ni­ge Mo­na­te spä­ter or­ga­ni­sier­ten sich die glei­chen Neo­na­zis in der Par­tei “Die Rech­te”. Die Stadt Dort­mund, wel­che sich jah­re­lang schwer getan hat, über­haupt ein mas­si­ves Na­zi­pro­blem ein­zu­ge­ste­hen, ob­wohl min­des­tens drei Morde in Dort­mund auf das Konto von Nazis gehen, war plötz­lich Held der Stun­de. Zu­sam­men mit dem NRW-​In­nen­me­nis­ter Ralf Jäger hatte man einen emp­find­sa­men Schlag gegen die re­gio­na­le Na­zi­sze­ne ge­lan­det.

Als an­ti­fa­schis­ti­sche Grup­pe stellt sich dabei für uns die Frage, ob wir jetzt damit auf­hö­ren kön­nen, gegen Nazis in Dort­mund vor­zu­ge­hen. Schließ­lich scheint der Staat im Zwei­fel wir­kunsg­mäch­ti­ge­re Mit­tel gegen Nazis zu haben, als wir je­mals auf­brin­gen könn­ten. Und die Neo­na­zis sind der­zeit so sehr damit be­schäf­tigt, grö­ße­re Nie­der­la­gen im an­ste­hen­den Kom­mu­nal­wahl­kampf zu ver­mei­den, dass sie of­fen­bar nicht mal mehr die Zeit auf­brin­gen kön­nen, heute eine De­mons­tra­ti­on zu or­ga­ni­sie­ren, wie es bis­her immer der Fall war. Na­tür­lich wäre es der an­ge­neh­me­re Weg, sich auf den bür­ger­li­chen Staat zu ver­las­sen und sich wie­der schö­ne­ren Din­gen als den Nazis aus Dorst­feld zu wid­men. Doch auch wenn diese ge­schwächt und zu­rück­ge­zo­gen wir­ken: Be­sei­tigt wur­den sie durch das Ver­bot merk­lich nicht. Das heißt also, das staat­li­che Ver­bo­te kei­nes­wegs ein an­ge­mes­se­nes Mit­tel zur Be­kämp­fung von Neo­na­zis und ihren Ideo­lo­gi­en sind. Diese ent­ste­hen schließ­lich nicht aus dem luft­lee­ren Raum, son­dern fin­den ihren Ur­sprung in die­ser Ge­sell­schaft und sind damit kein Pro­blem, wel­ches sich auf ju­ris­ti­schem oder ord­nungs­po­li­ti­schem Wege an­ge­hen lässt. Daher sorgt ein Ver­bot ma­xi­mal für eine kurz­fris­ti­ge Schwä­chung von Na­zi­struk­tu­ren, nicht aber dafür, neo­na­zis­ti­sche Ideo­lo­gi­en zu be­kämp­fen. Eine tat­säch­li­che Kri­tik an jenen Ver­hält­nis­sen, in denen Men­schen zu Nazis wer­den, muss hier an­set­zen. Der Ruf nach dem star­kem Staat oder eine „Law and Order“-​Po­li­tik gegen Nazis zeu­gen von einer völ­lig fal­schen Ana­ly­se des Neo­na­zis­mus, die davon aus­geht, dass Nazis au­ßer­halb die­ser Ge­sell­schaft ste­hen und auf­hö­ren zu exis­tie­ren, so­bald man sie ver­bie­tet. Es ist zwar rich­tig, dass durch den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­wunsch für die­je­ni­gen, die nicht in das Kon­zept der „Volks­ge­mein­schaft“ pas­sen, eine ste­ti­ge Ge­fahr droht. Dies be­deu­tet je­doch nicht im Um­kehr­schluss, dass Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus nur von Nazis aus­ge­hen würde. Im Ge­gen­teil, Ideo­lo­gie­frag­men­te des Neo­na­zis­mus sind eben­so in wei­ten Tei­len der Ge­sell­schaft ver­tre­ten.
Bei­spie­le sind hier die dump­fen an­ti­zi­ga­nis­ti­schen Bür­ger­mobs in Du­is­burg oder die sich in­tel­lek­tu­ell ge­ben­den Sar­ra­zin-​Fans.

Auch wenn diese Per­so­nen­krei­se nicht als “Nazis” zu kri­ti­sie­ren sind, son­dern eben als Aus­druck von ak­tu­ell über­all in Deutsch­land auf­tre­ten­der ras­sis­ti­schen Kri­sen­lö­sungs­mo­del­len, ist hier­bei die An­schluss­fä­hig­keit an eine neo­na­zis­ti­sche Ideo­lo­gie ge­ge­ben. An­ti­fa­schis­ti­sche In­ter­ven­tio­nen müs­sen daher hier an­set­zen. Zum einen sind genau eben ge­nann­te xen­o­pho­be und dumm­deut­sche Mo­bi­li­sie­run­gen an­zu­grei­fen und gleich­zei­tig muss der Ein­fluss von be­ken­nen­den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Grup­pen wie eben der Par­tei “Die Rech­te” klein ge­hal­ten wer­den, damit hier­aus nie wie­der eine Mas­sen­be­we­gung ent­ste­hen kann. Auch wenn hier­bei zu be­ach­ten ist, dass Neo­na­zis ihre Wirk­sam­keit auf ge­sell­schaft­li­che Pro­zes­se re­gel­mä­ßig über­schät­zen und daher eben nicht das ein­zi­ge Ziel eines au­to­no­men An­ti­fa­schis­mus sein dür­fen.

Auch wir wer­den un­se­ren Teil dazu bei­tra­gen und Not­falls immer wie­der in die ver­meint­li­che Ho­me­zo­ne der Nazis ein­drin­gen und für Risse sor­gen! Un­se­re So­li­da­ri­tät gilt somit den hier le­ben­den Men­schen, die sich nicht mit der Prä­senz von Neo­na­zis ab­fin­den und sowie der jü­di­schen Ge­mein­de von Dorst­feld wel­che sich trotz der un­aus­steh­li­chen Nach­barn nicht ver­trei­ben las­sen und Allen, die auch in Zu­kunft aktiv gegen Dort­mun­der Zu­stän­de aktiv wer­den wol­len!

An­ti­fa statt Ver­bo­te!
Er­in­nern heißt kämp­fen!